Viel für wenig

Bei Notes of Berlin findet man in der Regel ja eher amüsante Sachen. Aber manchmal ist auch weniger Lustiges dabei, wie zum Beispiel dies HIER. Kreativ, aber auf keinen Fall lustig!

Ein heikles Thema. Ich habe hier auch schon einmal darüber geschrieben: Ein Jahr ohne Kleiderkauf! Aber ich finde, darüber kann man gar nicht oft genug schreiben/reden … so lange, bis in den Köpfen angekommen ist, welche Konsequenzen unser Konsumverhalten hat, was unser Konsumverhalten für andere bedeutet. Warum wollen wir, in den reichen Industrieländern, immer viel für wenig? Viel Ware für wenig Geld. Und am besten auch noch: Viel Geld für wenig Arbeit. … aber das wäre dann eigentlich wieder ein anderes Thema.

In diesem Fall also wird Primarkt angeprangert, weil Primarkt Ware, die unter erbärmlichen Umständen und zu miesesten Konditionen in Billigherstellungsländern produziert wurde, in unserem reichen Mitteleuropa regelrecht verramscht. Primarkt ist hier aber nur ein Beispiel, denn viele andere Unternehmen handeln nicht anders! Auch teure Markenlabels werden teilweise so produziert (manche sogar in der selben Fabrik, von der selben Näherin, zu natürlich den selben Konditionen wie für Primarkt, Kik, Takko etc.), nur werden diese nicht für wenig Geld verramscht, sondern auch noch teuer verkauft. Ich weiß, das hat man alles schon so oft gehört und gelesen. *Gähn* Wie langweilig! Ja! Und trotzdem … wenn wir alle so schlau sind und das alles ja schon längst wissen, wieso haben diese Geschäftsmethoden dann immer noch so unglaublich viel Erfolg. Schaut euch mal die Umsatzziffern von solchen Unternehmen an. Das kommt doch nicht von nichts. Das kommt doch nicht, weil alle sich so bewusst davon sind, wie was wo und unter welchen Bedingungen produziert wird. Wie kann ein T-Shirt nur 5 Euro kosten?

Für diese 5 Euro – also das ist jetzt mal ein fiktiver Preis, vielleicht kostet es auch nur 2 Euro (ich habe zumindest so etwas mal in unserer Tageszeitung gelesen) –

  • wird der Stoff produziert, d.h. Rohstoffe müssen angebaut/gewonnen, verarbeitet, transportiert werden.
  • das Kleidungsstück wird genäht, verpackt und transportiert.
  • die Ware wird in die Läden gebracht, dekoriert und verkauft. … und was nicht verkauft wird, wird entsorgt, das kostet ja auch.

Bei jedem einzelnen dieser Arbeitsschritte sind Menschen eingebunden, die selbstverständlich für ihre Arbeit Geld haben wollen. Ladenmieten müssen bezahlt werden, Versicherungen, Transportfirmen etc. pp. Und nicht zu vergessen, das Management, also Firmenvorstand, Geschäftsführung und so weiter, sahnt ja auch noch mal richtig ab.

… und das alles für 5 Euro pro T-Shirt??? Stärker noch, ich habe vergessen die Mehrwertsteuer abzuziehen … bleiben also nur noch 4 Euro!

Dann rechnet mal rückwärts und überlegt, was die Näherin daran überhaupt noch verdienen kann. Die Näherin näht ein T-Shirt und so viele Leute wollen daran verdienen. Und je höher in der betrieblichen Rangordnung der betreffende Mensch, der daran mitverdient, sich befindet, um so mehr verdient er an der Arbeit der Näherin, die sich für ihr Gehalt noch nicht einmal eine gescheite Wohnung oder vernünftige Nahrung leisten kann. Letzten war ein bericht im TV zu diesem Thema, ich glaube, darin hieß es, der Näherin bleiben noch keine 2 Cent pro T-Shirt. Total verrückt, oder!? Und auf jeden Fall total ungerecht!

Das war jetzt das Beispiel der Ramschläden. Bei den teuren Markenherstellern sieht es oft leider nicht viel anders aus … außer, dass wir hier mehr für die Ware bezahlen – weil ist ja „Markenware“ yeah – und somit die Firmen einen noch größeren Reibach machen können. Die Näherinnen aber und alle andern, die an der tatsächlichen Herstellung des Produkts beteiligt sind, arbeiten unter den gleichen/ähnlichen Umständen und verdienen genauso wenig wie die, die für die Billigläden produzieren.

Dann kommt noch hinzu, dass die Ware, die man bei den Billigläden erhält, in der Regel auch noch von einer so schlechten Qualität ist, dass sie noch nicht mal mehr eine ganze Saisson durchhält. Der Verbraucher ist also gezwungen, immer öfter und immer mehr zu kaufen. – Bei Markenklamotten kann es teilweise anders sein, darum lasse ich die jetzt mal außen vor. – So ein Billig-T-Shirt sieht nach der ersten Wäsche meistens schon schlecht aus und ist nach kurzer Zeit nur noch was für die Tonne. Das bedeutet, auf diese Art und Weise werden, neben der Ausbeutung armer Arbeiter, unsere Ressourcen immer knapper und unser Müllproblem immer größer! Aber immerhin unsere Kauflust wurde befriedigt, wir konnten ein Schnäppchen schlagen, haben eine Tüte voll T-Shirts oder 3 Paar Schuhe für 20 Euro (oder weniger) erstanden … wir sind für einen minikurzen Augenblick richtig glücklich und zufrieden. Doch ist es das wert? Muss ich mir nicht unglaublich mies vorkommen, wenn ich in solchen Klamotten rumlaufe?

Der ein oder andere argumentiert nun mit wahlweise:

  1. Ich alleine kann das aber doch eh nicht ändern!
  2. Wenn wir alle diese Klamotten nicht mehr kaufen, dann verlieren die Näherinnen ihre Arbeit und haben dann gar nichts mehr!
  3. Ich habe selbst nur wenig Geld, ich kann mir teuere Sachen nicht leisten!
  4. Wie soll ich wissen, was wo und wie genau hergestellt wurde?
  5. Wenn ich mehr bezahle, heisst das ja noch nicht, dass dafür dann keine Näherin ausgebeutet wurde.
  6. und last but not least: Marina, Mensch, kümmer dich um deinen eigenen Kram! Kaufst du nicht auch beim Discounter und so weiter?

Tja, ich sehe das Dilemma …

  1. Ja, es ist oft schwer vorstellbar, was der einzelne bewirken kann. Nur, wenn der einzelne nichts versucht zu ändern … dann ändert sich nie etwas!
  2. Leider ist die Situation für die Näherinnen, so oder so recht beschissen und da wird sich auch kurzfristig nicht viel dran ändern lassen.
  3. Aber vielleicht weniger Billigramsch. Statt 5 T-Shirts für 5 Euro das Stück, vielleicht nur 1 T-Shirt für 25 Euro, aber dann eins, das wenigstens 2 – 3 Saissons getragen werden kann.
  4. und 5. Wenn ich in Billigläden einkaufe, dann kann ich mir sehr sicher sein, dass die Ware unter schlechten bis dramatisch schlechten Umständen produziert wurde, dass Arbeiter/innen hierfür total ausgebeutet wurden … anders geht die Rechnung nämlich nicht auf. (siehe mein Beispiel über das 5-Euro-T-Shirt). Mit etwas gesundem Menschenverstand kommt man schon sehr weit, wenn man überlegt, welcher Preis für eine Ware so ungefähr gerechtfertigt wäre.

6. Ja klar, auch unser Geld reicht nur bis zu einem gewissen Level und auch ich muss schauen, wie ich die Enden
zusammen bringe … klar kaufe ich u.a. auch beim Discounter. Aber trotzdem! Und um Primarkt, Tedi, Kik,
Takko und Co. mache ich einen Riesenbogen! Ich kaufe auf keinen Fall bei diesen Modediscountern.

Ein Teufelskreis, unter dem der/die einfache Arbeiter/in im Billiglohnland am meisten leiden. Die Näherinnen (und alle andern Arbeiter, vorallem in den unteren Rängen) sind der Situation ausgeliefert, die können nichts machen. Die Konzerne, die so produzieren lassen, werden eine Teufel tun um daran etwas zu ändern, denn solange die Umsätze stimmen, reiben die sich doch die Hände und fahren die großen Gewinne ein. Aber wir, als Käufer, als Verbraucher, wir können diesen Teufelskreis durchbrechen! Denn wir können diese Läden ignorieren, meiden, wir können unser Konsumverhalten ändern. Und nur dann wird sich auf Dauer für alle etwas ändern. Und es kann ja nur besser werden!

Besser weniger oft neue Kleidung, aber dafür qualitativ bessere Ware und zu einem angemessenen Preis! Denn jeder, der bei diesen Unternehmen kauft, unterstützt damit direkt dieses Geschäftsmodel, billig produzieren lassen und en masse verramschen oder teuer verkaufen, trägt darum eine Mitschuld an der Situation der Näherin in Bangladesh … oder Vietnam … oder …!

… und der, der kann … selber machen! Macht Spaß, macht glücklich (länger als so einen Minimoment im Kaufrausch), macht kreativ und individuell!

 

Ich bedanke mich bei allen Lesern, die bei diesem langen Artikel bis zum letzten Satz durchgehalten haben. Danke für eure Aufmerksamkeit! Es musste mir mal wieder von der Seele. Kommentare hierzu werden sehr gerne gesehen!

 

Doeiiiiii,

Marina

 

 

 

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2 Comments

  • Reply Bine 16 März 2017 at 10:39

    Liebe Marina,

    du sprichst da ein sehr wichtiges Thema an! Ein toller Artikel!
    Auch ich habe das Jahr 2016 ohne Kleiderkauf verbracht. Und 2017 auch noch nicht geshoppt (Ausnahme: 1x Second Hand). Ich habe dadurch festgestellt, dass ich eigentlich zu viel besitze, so viel ziehe ich tatsächlich gar nicht an. Daher versuche ich gerade auszumisten: Sachen, die noch in Ordnung sind, spenden, Sachen, die ich umnähen kann, umnähen und Sachen, die nicht mehr so schick sind, aber noch tragbar, werden zu den Sportsachen gelegt – beim Sport muss ich nicht wie ein Modell aussehen, sondern schwitzen 😉

    Beim Nähen habe ich festgestellt, dass ich gerne Basics habe, ohne große Muster, sodass man sie untereinander kombinieren kann und ich möglichst lange etwas davon habe… Nur an manche Sachen, Hosen und so, traue ich mich noch nicht ran, aber irgendwann kommt auch das! Solange achte ich eben darauf, wo ich kaufe.

    Liebe Grüße
    Bine

    • Reply Marina 16 März 2017 at 15:47

      Liebe Bine, danke für deinen Kommentar!

      Ich wundere mich auch immer, dass ich ohne neue Kleidung dazu zu kaufen, immer noch genug zum Anziehen habe. Das heißt ja nur, dass ich einfach viel zu viel hatte. Ich miste auch immer wieder aus, was nicht mehr schön ist, nicht mehr passt (teilweise eigentlich nie so richtig gepasst hat) und was mir nicht mehr gefällt.
      Das schöne am Selbermachen ist ja, dass man, mit etwas Übung, Kleidung herstellen kann, die viel besser passt als das „von der Stange“. Aber ich kann auch noch nicht alles selbst nähen, da muss ich dann halt kaufen, aber ich schaue wohl mehr als früher gut hin, wo ich kaufe. Und wenn etwas absurd billig ist, dann bin ich sehr misstrauisch.

      LG,
      Marina

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